100 Jahre Schlatterhaus

 

Zwei Festschriften

sind zum Jubiläum erschienen. Sie können im Hochschulpfarramt erworben werden, einzeln für je 14 Euro, im Doppelpack für 24 Euro. Zwei Studentinnen der ESG machen Lust zum Lesen:

1. Festschrift der Evangelischen Akademikerschaft

Die von der Evangelischen Akademikerschaft (EA) herausgegebene Festschrift zum hundertjährigen Jubiläum des Adolf-Schlatter-Hauses Tübingen ist eine Einladung zum Flanieren durch eine Reihe spannender Kapitel deutscher, vor allem aber Tübinger Zeitgeschichte.

Auf 142 Seiten erzählen Tübinger Bürgerinnen und Bürger von ihren ganz persönlichen Geschichten, die sie mit dem Schlatterhaus verbinden. Vom Studentenpfarrer über den Universitätsprofessor bis zur Studentin kommen alle zu Wort. Überraschend ist dabei immer wieder, wie eng die einzelnen Berichte miteinander verwoben sind und wie viele Querverbindungen zur gesamtdeutschen Geschichte entdeckt werden können.

Seit seinem Kauf durch Adolf Schlatter und die DCSV (Deutsche Christliche Studenten-Vereinigung), war das Haus in der Österbergstraße 2 ein Ort für Begegnung und Gespräch über Biblisches wie Weltliches. Die Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben und das Handeln im Sinne der christlichen Ethik fanden beide unter dem Dach des ASH statt. Bis heute hat sich daran nichts geändert. Es ist ein und dasselbe Haus, in dem sich die Evangelische Studierendengemeinde donnerstags zu Gottesdienst und Themenabend trifft und in dem die Sonntagsküche für die Würde der Armen kämpft.

Die Festschrift schafft es, diesen roten Faden des gelebten Christentums im Schlatterhaus deutlich hervorzuheben und gleichzeitig eine Chronologie außergewöhnlicher Ereignisse zusammenzustellen. Genannt seien hier die starke Politisierung der Evangelischen Studierendengemeinde in den Siebziger Jahren, die Bespitzelungsaffäre 1992 und die Gewährung des Kirchenasyls für kurdische Flüchtlinge im Sommer 1999.

Das diesjährige Jubiläum bekommt einen bitteren Beigeschmack durch die ungewisse Zukunft des Schlatterhauses. Auch zu dieser aktuellen Situation fasst die Festschrift der EA die wichtigsten Fakten zusammen. Zurecht wird nicht der Versuch gestartet, eine neutrale Haltung zu vertreten. Wer den Spaziergang durch diese 100 Jahre Geschichte mitgegangen ist, wird sicherlich mit zu denen gehören, die sich des Adolf-Schlatter-Hauses in der Österbergstraße nicht beraubt sehen wollen. In diesem Sinne wünsche ich viel Freude beim Entdecken!

Verena Krall

2. Festschrift der Hochschulpfarramts: Ein Haus voller Geschichte

Um die Geschichte des Schlatterhauses geht es nicht nur im einen Teil der zweiheftigen Festschrift anlässlich des hundertjährigen Jubiläums des Schlatterhauses. Auch das zweite Heft, herausgegeben vom Evangelischen Hochschulpfarramt Tübingen, der Evangelischen Akademikerschaft Tübingen und der Gesamtkirchengemeinde Tübingen, will auf seine Weise Eindrücke vermitteln.

Reizvolles Novum ist dabei, dass dem Leser in detailgetreuer Weise Einblick in die Archivalien des Studierendenwohnheims gewährt wird. In drei Teilen laden die Autoren ein zu einer spannenden Reise von den allerersten Anfängen der – damals noch nicht so benannten – ESG über den Zweiten Weltkrieg und die bewegten siebziger Jahre bis hinein in die Gegenwart. Es geht darum, das subjektive Moment persönlicher Zeitzeugenberichte zu überwinden: Das Bild soll abgerundet, das fehlende Puzzlestück ergänzt werden.  So erklärt Dr. Michael Machleidt, nach Sichten der vorhandenen Quellen habe man sich bemüht, „das Subjektive…in den Hintergrund treten zu lassen oder es mit den dokumentierten Fakten zu konfrontieren“.  Mittels zahlreicher Zitate aus Protokollen, Leitbildern, Tagebucheinträgen, Berichten, Briefen und Aufsätzen entsteht für den Leser ein Gesamteindruck, der hilft, Einzelereignisse in einen größeren Kontext einzuordnen.

Für mich als Studentin und Bewohnerin des Schlatterhauseswar beim Durchblättern interessant, den eigenen Alltag im Tübingen des 21. Jahrhunderts mit dem der Studierenden vor dem Zweiten Weltkrieg oder in den Hippiejahren zu vergleichen. Was sind die Wurzeln des Hauses in der Österbergstraße 2? Wo haben sich die Dinge verändert, wo gibt es Kontinuitäten?  Wer war und ist die ESG in Tübingen, für sich genommen und für Andere?

Das soziale Engagement, mit dem sich die Menschen, die sich mit dem Schlatterhaus verbunden fühlten, von Anfang an in Tübingeneinbrachten und so ihre christliche Ausrichtung mit dem konkreten Einsatz für den Nächsten verbanden, beeindruckt. Dazu mischt sich Erschrecken, wenn eine einst so prägende Gestalt wie Adolf Schlatter in einer sich an den NS-Jargon anbiedernden Formulierung sagt: „Wir müssen total in der Kirche leben, um total im Staat zu leben, und total im Staat leben, um total in der Kirche zu leben.“ Die Festschrift klammert auch die dunklen Zeiten des Schlatterhauses nicht aus.

Um die ESG im Hier und Heute, mit den guten und schlechten Erfahrungen, die sie auf dem Buckel trägt, geht es im letzten Teil der Festschrift.Hochschulpfarrer Michael Seibt berichtet darin unter praxisnaher Perspektive von seiner Arbeit mit den Studierenden,  beleuchtet aktuelle Herausforderungen und stellt kritisch Leitbilder zur Diskussion.

Fazit: Eine lesenswerte Zusammenstellung neuer Details über ein Haus, das die Geschichte Tübingens seit einem Jahrhundert mitgeschrieben hat.

Mirijam Scherm

Die ESG Tübingen wendet sich aus Anlass des Jubiläums mit dem folgenden

Offenen Brief

an die Landessynode und den Oberkirchenrat in Stuttgart:

Sehr geehrte Frau Synodalpräsidentin Schneider, sehr geehrte Damen und Herren in der Landessynode,sehr geehrte Damen und Herren im Kollegium des  Oberkirchenrats,

das Adolf-Schlatter-Haus in Tübingen wird im Mai 2014 hundert Jahre alt. Es ist die Heimat der Evangelischen Studierenden- und Hochschulgemeinde in Tübingen. Aus diesem Anlass wenden wir uns an Sie mit einer freundlichen und ausdrücklichen Bitte.

Im Jahr 2005 hat die Landessynode beschlossen, das Haus zu verkaufen. Dieser Beschluss konnte bis heute nicht umgesetzt werden. Nach dem Verkaufsbeschluss wurde bekannt, dass ein Grundbucheintrag aus dem Jahr 1958 das Haus für die Zwecke der kirchlichen Studierendenarbeit bestimmt und ein Verkauf nur unter dieser Voraussetzung möglich ist. Die von der Landeskirche favorisierte Lösung, das Haus der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Tübingen zu übergeben, lässt sich nach derzeitiger Beschlusslage  nicht realisieren. Die Gesamtkirchengemeinde arbeitet derzeit an einer Immobilienkonzeption mit dem Ziel, den Bestand der kirchlichen Gebäude in Tübingen zu reduzieren.

1938 wurde das Haus von der damaligen DCSV der Landeskirche geschenkt, um  der drohenden Enteignung durch die Nationalsozialisten  zu entgehen. Seitdem wurden nötige Reparaturen und Brandschutzmaßnahmen zwar durchgeführt, eine Investition in die Substanzerhaltung des Gebäudes ist aber nicht erfolgt. 100 Jahre nach der Eröffnung des Hauses zeigt sich  immer deutlicher, dass solche Maßnahmen notwendig sind.

Unsere Bitte ist, dass die neu gewählte 15. Landessynode den Verkaufsbeschluss der 13. Landessynode aus dem Jahr 2005 noch einmal aufgreift und darüber berät, ob es nicht doch im Interesse der württembergischen Landeskirche ist, das Schlatterhaus für den weiteren Betrieb zu erhalten und damit der ESG und der kirchlichen Präsenz an der Landesuniversität Tübingen eine Perspektive für die Zukunft zu geben.

Wir begründen diese Bitte damit, dass das Schlatterhaus der kirchlichen Hochschularbeit Möglichkeiten bietet, für die bei einem Verkauf des Hauses keine realistische Alternative in Aussicht ist.

Die Arbeit im Schlatterhaus zeichnet Folgendes aus: die dort vorhandenen 18 Wohnheimplätze für Studierende werden mit der Erwartung vergeben, dass sich die Bewohner/innen im Rahmen der ESG und ihrer Arbeit mit ihren Ideen und ihrem Engagement einbringen. Die Hausbewohner bilden den Kern der ESG-Gemeinschaft und des Gemeinderates der ESG, der die Arbeit gestaltet und verantwortet. Die Erfahrung an anderen Standorten hat gezeigt, dass durch die Schließung von ESG-Wohnheimen ein großer Teil der Arbeit kaum mehr möglich war. Durch die räumlichen Möglichkeiten des Saalbaus, der sich direkt neben dem Wohnheim befindet, sind optimale Möglichkeiten für die Arbeit der Hochschulgemeinde vorhanden. Die Küche in der Cafete ermöglicht, eine größere Anzahl von Menschen zu bewirten, was bei Eröffnungsfesten und anderen Gelegenheiten wichtig ist.

Die zentrale Lage in der Nähe der Universität und der Tübinger Altstadt führt dazu, dass zu  den ESG-Abenden jeden Donnerstag Studierende auch kurzentschlossen den Weg ins Schlatterhaus finden. Die Arbeit im Schlatterhaus ist niederschwellig. Sie erreicht Studierende aus Württemberg und aus dem ganzen Gebiet der EKD-Gliedkirchen und aus unterschiedlichen Fakultäten. Besonders wichtig ist uns, dass wir auch Studierende erreichen, die nicht Theologie studieren.

Die zentrale Lage des Hauses ermöglicht außerdem eine eindrückliche sozialdiakonische Arbeit. Exemplarisch dafür sei die Sonntagsküche genannt, die jeden Sonntag Frühstück und Mittagessen für etwa 100 Obdachlose und andere Bedürftige anbietet. Dafür engagieren sich ebenfalls Studierende, die im Schlatterhaus wohnen. Dasselbe gilt für den Deutschkurs für Flüchtlinge, der etwa 80 Menschen nicht nur deutsche Sprachkenntnisse vermittelt, sondern ihnen auch einen wichtigen Treffpunkt bietet.

Das Schlatterhaus ist auch heute ein Ort des Nachdenkens über den christlichen Auftrag in der Gegenwart. Das Format des Bibelabends hat im Schlatterhaus eine lange Tradition und wird auch heute fortgeführt und in der Vortrags- und Gesprächsreihe „Christliche Spiritualität heute“ auf gegenwärtige Herausforderungen bezogen. Damit erreichen wir auch Menschen aus älteren Generationen, die gerne Angebote der Hochschulgemeinde annehmen.

Große Chöre wie die Kurrende der ESG und der Liederkranz finden hier Probenräume.  Der Tanzkreis der ESG findet im großen Saal die Möglichkeit, seine Kurse durchzuführen, die eine wichtige Begegnungsmöglichkeit für Studierende sind. Für zahlreiche Initiativen in Tübingen und Arbeitskreise der ESG bietet das Schlatterhaus Raum. Mit dem Saalbau, der im Jugendstil errichtet wurde, ist das Schlatterhaus auch in architektonischer Hinsicht etwas Besonderes.

Auch im Blick auf die Ökumene stellt das Schlatterhaus eine Besonderheit dar:  die russisch-orthodoxe Gemeinde hat im Haus Gastrecht und sich eine eigene Kapelle eingerichtet.

Viele Menschen haben in diesem Haus während ihrer Studienzeit wichtige Impulse für ihr weiteres Leben empfangen. Das erfahren wir immer wieder bei Begegnungen. Das Haus steht für die kirchliche Präsenz an der Landesuniversität Tübingen. In ihm spiegeln sich 100 Jahre württembergische Kirchengeschichte wieder, und zwar jener Aspekt der Kirchengeschichte, die sich dadurch auszeichnet, dass sie vor allem in der Begegnung zwischen Kirche und Gesellschaft Profil gewonnen hat.

Es ist der württembergischen Landeskirche zu wünschen, dass sie dieses „Talent“ nicht nur bewahrt, sondern damit wuchert. Für die in der kirchlichen Hochschularbeit und in der ESG Engagierten wäre es hilfreich, eine klare Perspektive für die Zukunft zu bekommen. Dem Schlatterhaus täte es gut, wenn man es nicht nur notdürftig erhielte und die Bausubstanz nicht sich selbst überließe.

Wenn Sie sich genauer über die kirchliche Hochschularbeit im Schlatterhaus informieren möchten, sind wir gerne zum persönlichen Gespräch bereit. Außerdem weisen wir auf die beiden Festschriften hin, die aus Anlass des Jubiläums erschienen sind und die einen Überblick über die Geschichte des Hauses und die aktuelle Arbeit geben.

Die unterzeichnenden Studierenden, die beiden Inhaber der Hochschulpfarrstellen und weitere Menschen, die mit dem Schlatterhaus und der kirchlichen Hochschularbeit verbunden sind, danken Ihnen, wenn Sie dieses Thema und unsere Bitte in der Synode und dann auch im Oberkirchenrat auf die Tagesordnung setzen.

 Mit freundlichen Grüßen

Die Unterzeichnenden